Francesca Lamberti
Ein Beispiel für die Flexibilität
römischer Außenpolitik:
»Se dedere« und »in fidem accipi« am Beispiel
der Ubier
GiK 49 (2002), S. 726
Abstract:
Die ersten Verhältnisse zwischen den Ubiern, jener germanischen Bevölkerung aus der die künftigen Bürger der colonia Claudia Agrippina stammen sollten, und den Römern gehen auf Cäsars Zeit zurück. Die Quellen belegen eine erste Dedition der Ubier an Cäsar, eine zweite an Augustus Oberbefehlshaber Agrippa. Gegen eine geläufige Meinung wird die Dedition nicht als rechtliche Selbstvernichtung infolge einer Kapitulationshandlung, sondern als eine besondere Art diplomatischen Handelns gedeutet. Sie führte in Cäsars Zeit zum Entstehen eines Allianz-Verhältnisses (völkerrechtlich: amicitia) zwischen Rom und den Ubiern. Eine erneute Dedition an Agrippa ca. 19 v. Chr. führte zu einer Verstärkung der amicitia. Die »restitutio« (Wiederherstellung der Gemeinde) seitens Roms, die am Ende der Republik gewöhnlich einer Dedition folgte, führte in diesem Fall dazu, daß die Ubier vom rechten auf das linke Rheinufer umgesiedelt wurden. Zuvor waren sie von anderen germanischen Stämmen bedrängt worden, jetzt erhielten sie das ehemalige Territorium der Eburonen, das damit nicht mehr unbesetzt blieb. Durch die zuverlässige Präsenz der Ubier wurde die von Rom kontrollierte Zone vor Attacken rechtsrheinisch siedelnder Germanen besser geschützt. Ihre Treue an das römische Volk und ihre Verbindung zu Agrippa und seiner Familie hat Jahrzehnte später zu der römischen Koloniegründung durch Kaiser Claudius geführt.
The first relations between the ubii, those teutonic people that later should become citizens of the colonia Claudia Agrippina, and the Romans dated back to Caesars times. The sources prove a first dedication (deditio) by the ubii to Caesar, a second one to Agrippa, the commander-in-chief of Augustus. Against a common opinion explaining these dedications as legal self-annihilation by surrender, this study interprets them as a special manner of diplomatic action. In Caesar's times an alliance (in contemporary international law terms: amicitia) arose between Rome and the ubii. A renewed dedication to Agrippa c. 19 BC strengthened this amicitia. The restitutio (re-establishment of a community) by Rome, that at the end of the republic commonly followed after such a dedication, in this case led to the resettlement of the ubii from the right to the left bank of the river Rhine. In the previous time they were hard-pressed by other teutonic tribes, now they obtained the territory formerly owned by the eburoni, which by that was no longer unoccupied. The reliable presence of the ubii safeguarded the zone controlled by Rome against attacks from Teutons settling on the right banks of the Rhine. The loyalty of the ubii to the Roman people and their connection to Agrippa and his family led - decades later - to the foundation of the Roman colony by emperor Claudius.