Tilmann Gruhn
Bürgerliches Musikfest oder oppositionelle Kundgebung?
Das deutsch-flämische Sängerfest 1846 in Köln
GiK 54 (2007), S. 127–151

Abstract:

Das deutsch-flämische Sängerfest gilt in der Forschung als ein »Höhepunkt der vormärzlichen Oppositionsbestrebungen«. Der Beitrag geht der Frage nach, inwieweit diese Charakterisierung zutrifft. Das Kölner Sängerfest diente der Inszenierung der Nationsidee, indem es einer von Ritualen und Symbolen durchsetzten Dramaturgie folgte. So wurde in den Festkonzerten die Nation ästhetisiert, indem die Masse der Sänger diese im Wortsinne »verkörperten«. Der das Fest ausrichtende Kölner Männergesangverein verfolgte auch eigene Ziele, die durch die Teilnahme belgischer Vereine deutlich werden. Hierin kommt die Rivalität zwischen den Kölner Musikvereinen zum Ausdruck, da Kontakte ins ökonomisch fortschrittliche Belgien die Reputation des Vereins festigen sollten. Belgien konnte durch seine Verfassungsstaatlichkeit allerdings auch als Symbol für die oppositionelle Forderung nach einer preußischen Staatsverfassung verstanden werden. Das Kölner Sängerfest gewann in zwei »Volksversammlungen « außerhalb der Stadt kämpferisch-agitatorische Züge im Sinne der oppositionellen bürgerlichen Nationalbewegung, doch blieb dies die Ausnahme. Innerhalb der Stadt, gleichsam unter den Augen der preußischen Obrigkeit, stellten die Sänger weder oppositionelle Forderungen auf noch stellten sie die Fürstenherrschaft grundsätzlich in Frage. Selbst in den Versammlungen außerhalb der städtischen Öffentlichkeit kam Kritik an den bestehenden Verhältnissen nur symbolhaft verschlüsselt zum Ausdruck. Nationalismus war zwar der unbestrittene politische Bezugspunkt des Festes, doch war dieser eher vieldeutig, unbestimmt und in seinen Forderungen nicht durchgängig oppositionell. Er lässt sich daher der eher affirmativen Tradition monarchisch-bürgerlicher Nationalfeste zurechnen, die vom ersten Kölner Dombaufest ausging.