Daniel
Bellingradt
»Lateinische
Zeddel« in der Reichsstadt Köln (1708).
Signale, Diskurse und Dynamiken im öffentlichen urbanen Raum der Frühen Neuzeit
GiK 56 (2009), S. 207–237.
Abstract:
Als am 30. April 1708 »über 1000. Studenten und ander Pöbel=Volck« die Residenz Brandenburg-Preußens in Köln attackierten, stellte dies den vorläufigen Höhepunkt eines seit Monaten schwelenden Streits dar. Diese Studie blickt auf den publizistik- und kommunikationshistorischen Vorlauf jenes »Residentenstreits« und analysiert, welche Signale, Diskurse und Dynamiken im öffentlichen urbanen Raum Kölns herrschten, wirkten und generiert werden konnten. Aus der Beobachtung einiger Stadtbewohner, dass ein – innerhalb der »katholischen« Stadtmauern verbotener – evangelischer Gottesdienst im Residentenhaus stattgefunden habe, entwickelte sich eine sensibilisierte Kommunikationssituation auf mehreren Ebenen. Innerhalb Kölns mobilisierten Studenten und Geistliche die Öffentlichkeit, indem sie etwa »lateinische Zeddel« publizierten, um weitere protestantische Gottesdienste zu verhindern. Der Magistrat Kölns sah sich auf diplomatischer Ebene mit dem aufstrebenden Reichsstand und der sich entwickelnden Führungsmacht des Corpus Evangelicorum, Brandenburg-Preußen, konfrontiert, während zugleich die »eigene« Stadt-Öffentlichkeit beziehungsweise Deutungssphäre gegen die »Zeddel« und Gerüchte behauptet werden musste. Exemplarisch zeigt diese Rekonstruktion des innerstädtischen Meinungsklimas, welches durch Gerüchte, Flugdrucke und Predigten angeheizt wurde, wie und in welchen Parametern urbane frühneuzeitliche Öffentlichkeit funktionierte.